Interview mit Uwe Dolata.
Anlässlich der Veranstaltung "Wie du mir, so ich dir. Korruption überall?!" traf ich mich mit Uwe Dolata, seines Zeichens Korruptionsexperte im Bund Deutscher Kriminalbeamter. Er ist bekannt durch unzählige Publikationen und Vortragsreisen im In- und Ausland, sowie Fernseh- und Rundfunksendungen. Seit dem Wintersemester 2004 hat er den Lehrauftrag "Anti-Korruptionsstrategien im Wirtschaftssystem Deutschland" im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre der Fachhochschule Würzburg inne, den ersten dieser Art in Deutschland.
CV: "Herr Dolata, nett dass wir mit Ihnen sprechen können. Sie beschäftigen sich sehr intensiv mit den Thema Wirtschaftskriminalität und Korruption, und opfern dafür auch viel Freizeit. Welche Beweggründe gibt es für sie, ihr Leben praktisch dem Kampf gegen Korruption und Wirtschaftskriminalität zu widmen?"
Uwe Dolata: "Der rote Faden hinter allem, was ich tue, ist, dass ich ein glühender Vertreter der direkten Demokratie bin. Ich will alle dazu animieren, sich auch abseits von Wahlen politisch einzumischen, Fragen zu stellen und mitzuwirken an der politischen und sozialen Gestaltung unseres Lebens."
CV: "Was versteht man unter Korruption, worum handelt es sich?"
Uwe Dolata: "Korruption ist Missbrauch von Macht zu privaten, eigenen Zwecken. Das ist die griffigste und von der Weltbank geförderte Definition von Korruption."
CV: "Was ist das schädliche an Korruption, welche Folgen hat die Korruption beispielsweise für mich als einfachen Menschen?"
Uwe Dolata: "Das schlimme an der Korruption sind die indirekten, die ökologischen Schäden. So werden beispielsweise Staudämme dort gebaut, wo sie gar nicht notwendig sind. Es werden überdimensionierte Klärwerke konstruiert, weil der ein oder andere daran verdient. Es gibt aber auch Fälle, wo sie persönlich unter der Korruption leiden. Schauen wir uns beispielsweise den Herzlappenskandal an. Da haben sie als Steuerzahler die ganzen Steuererleichterungen für die Pharmaindustrie mitgetragen. Zum anderen wurden nach Erkenntnis der Krankenkassen auch Herzklappen eingepflanzt, wo sie gar nicht notwendig waren, nur weil jemand daran verdient hat. Da hätten wir dann sogar eine individuell gesundheitsschädliche Wirkung der Korruption."
CV: "In letzter Zeit gab es immer wieder große Korruptionsskandale. Ich erinnere mich an die Vorfälle rund um die Allianz-Arena, Lustreisen bei VW oder jetzt dem unglaublichen Fall bei Siemens. Hat die Häufigkeit solcher Fälle zugenommen, ist das Wirtschaftssystem korrupter geworden, oder täuscht diese Annahme?"
Uwe Dolata: "Das weiß ich nicht, das wissen wir alle nicht, weil wir uns alle viel zu lange viel zu wenig um die Korruption gekümmert haben. 95% der Fälle werden ja gar nicht aufgedeckt, bisher liegt die Aufklärungsquote bei etwa 2-5%. Über diese Fälle unterhalten wir uns hier. Doch dadurch, dass die Gesellschaft inzwischen mehr sensibilisiert ist, dadurch, dass auch endlich Schwerpunktstaatsanwaltschaften mit ausgebildeten Korruptionsermittlern eingerichtet wurden, kann man jetzt aus kleinen Anfangsverdachtsmomenten große Prozesse machen, wie sie jetzt stattfinden. Die Wahrnehmung für solche Fälle ist größer geworden."
CV: "Wie sinnvoll sind Antikorruptionsabteilungen, wenn sie wie im Fall Siemens angeblich geschehen, bei der Vertuschung von Korruptionsfällen mithelfen?"
Uwe Dolata: "Bei Siemens ist das Problem, dass die Unternehmensführung das Ziel vorgibt, möglichst viele Aufträge zu ergattern, koste es was es wolle. Dann wird die Revision einerseits dazu missbraucht, die für die Korruption verwendeten Geldflüsse zu verschleiern, und zum anderen dient sie als Lendenschurz nach außen, damit der Öffentlichkeit vermittelt wird: „Wir tun etwas.“ So kann das ganze natürlich nicht funktionieren. Wir haben schon immer gefordert, dass es in den Unternehmen externe Berater geben sollte, und Aufsichtsräte, die auch Aufsicht ausüben. Und nicht Aufsichtsräte, die mit Kommunalpolitikern besetzt sind, wie es in vielen Betrieben gebräuchlich ist. Dieser Aufsichtsrat muss dann auch die Macht zum Eingreifen haben."
CV: "Sind die so genannten „Compliance-Abteilungen“ nicht mehr ein Ablenkungsmanöver, nicht eher PR-Maßnahme für die Öffentlichkeit als ein ernsthafter Versuch, der Korruption entgegenzuwirken?"
Uwe Dolata: "Mittlerweile muss dieser Eindruck ja entstehen. Deswegen muss man dass ja auch anprangern und darüber berichten, und diese Vorgänge in die Öffentlichkeit bringen."
CV: "Haben die Unternehmen überhaupt ein Interesse daran, die Korruptionsfälle aufzudecken? Im Fall Siemens soll sogar der Vorstand schon über ein halbes Jahr von den Korruptionsvorwürfen gewusst haben, und es nicht für nötig gefunden haben, etwas zu unternehmen."
Uwe Dolata: "Nun, die ganzen Unternehmen sind ja nicht nur die Manager. Siemens besteht auch nicht nur aus dem Vorstand. Ein Unternehmen wie Siemens besteht aus tausenden von Arbeitern, die sich jetzt schämen und um ihre Arbeitsplätze fürchten. Mitarbeiter, die über das Missmanagement erschüttert sind. Diese Mitarbeiter sind ja das eigentliche Unternehmen, und keiner dieser Arbeiter hat ein Interesse an solchen Vorfällen."
CV: Siemens hat jetzt auch einen Ombudsmann eingestellt, den Nürnberger Rechtsanwalt Hans-Otto Jordan. Dieser arbeitet in der Kanzlei des bayerischen Innenministers Günther Beckstein: Günther Beckstein ist als Innenminister unter anderem auch für die Justiz in Bayern zuständig. Und die Justiz bzw. die Staatsanwaltschaft München ist für Siemens zuständig, bei denen jetzt wiederum jener Hans-Otto Jordan arbeitet. Was lernen wir daraus?"
Uwe Dolata: "Man kann sehen, dass hier eine Nähe zur Politik gewünscht wird. Auch wenn Günther Beckstein jetzt sagen wird, dass er sein Mandat ja schon lange niedergelegt hat. Hier sind aber auf jeden Fall Fragen berechtigt, und da kann natürlich eine Compliance, wie wir sie fordern, nicht stattfinden. Das sind genau die Fragen, die weh tun, weil da muss sich sowohl die Wirtschaft wie auch die Politik outen und muss die Strategie preisgeben."
CV: "Warum berichten denn die Medien so wenig über die Wirtschaftskriminalität? Sind die Medien auch korrupt?
Uwe Dolata: "Natürlich gibt es auch in den Medien Fälle von Korruption. Nicht alle, ich hoffe doch, dass der Großteil nicht korrupt ist. Aber wir haben zum Beispiel die ARD in diesem Sumpf. Dort werden von den Gebührenzahlern Millionen für ein „freies Fernsehen“ gezahlt, was dann scheinbar gar nicht frei war. Ich denke da an die Schleichwerbung, die auch heute noch stattfindet. Gerade vorgestern habe ich im Tatort einen neuen Fall gesehen. Ich frage mich, wo da der Intendant war. Die Medien sind auf jeden Fall sehr anfällig geworden. Oft sind sie sogar Wegbereiter, wie im Falle der Aktienmärkte. Dort gibt es teilweise durch Hochglanzprospekte, Sondersendungen und DAX-Interpretationen Fälle, die Korruption fördern, statt sie aufzudecken oder verhindern. Hier muss natürlich auch eine Kontrolle wie beispielsweise durch den Journalistenverband, stattfinden."
CV: "Sie sind ja aus Würzburg. Gibt es hier auch Fälle von Korruption, oder ist aus dieser Region noch nichts Derartiges bekannt?"
Uwe Dolata: "Wir kennen natürlich auch Fälle von Korruption in Würzburg und Umgebung. Über diese wurde ja auch in den Medien berichtet. Wir schauen zur Zeit nach Bad Neustadt, wo gerade ein Prozess um das Bauamt stattfindet. Dort wurden jahrelang große Summen an Schmiergeldern gezahlt. Das können Sie genau so auch auf jede andere Stadt übertragen, wenn auch in anderen Dimensionen. Aber kein Ort, keine Behörde, nicht die Politik und nicht die Wirtschaft ist gefeit vor solchen Situationen."
CV: "Herr Dolata, vielen Dank für dieses Gespräch."
CV: "Herr Dolata, nett dass wir mit Ihnen sprechen können. Sie beschäftigen sich sehr intensiv mit den Thema Wirtschaftskriminalität und Korruption, und opfern dafür auch viel Freizeit. Welche Beweggründe gibt es für sie, ihr Leben praktisch dem Kampf gegen Korruption und Wirtschaftskriminalität zu widmen?"
Uwe Dolata: "Der rote Faden hinter allem, was ich tue, ist, dass ich ein glühender Vertreter der direkten Demokratie bin. Ich will alle dazu animieren, sich auch abseits von Wahlen politisch einzumischen, Fragen zu stellen und mitzuwirken an der politischen und sozialen Gestaltung unseres Lebens."
CV: "Was versteht man unter Korruption, worum handelt es sich?"
Uwe Dolata: "Korruption ist Missbrauch von Macht zu privaten, eigenen Zwecken. Das ist die griffigste und von der Weltbank geförderte Definition von Korruption."
CV: "Was ist das schädliche an Korruption, welche Folgen hat die Korruption beispielsweise für mich als einfachen Menschen?"
Uwe Dolata: "Das schlimme an der Korruption sind die indirekten, die ökologischen Schäden. So werden beispielsweise Staudämme dort gebaut, wo sie gar nicht notwendig sind. Es werden überdimensionierte Klärwerke konstruiert, weil der ein oder andere daran verdient. Es gibt aber auch Fälle, wo sie persönlich unter der Korruption leiden. Schauen wir uns beispielsweise den Herzlappenskandal an. Da haben sie als Steuerzahler die ganzen Steuererleichterungen für die Pharmaindustrie mitgetragen. Zum anderen wurden nach Erkenntnis der Krankenkassen auch Herzklappen eingepflanzt, wo sie gar nicht notwendig waren, nur weil jemand daran verdient hat. Da hätten wir dann sogar eine individuell gesundheitsschädliche Wirkung der Korruption."
CV: "In letzter Zeit gab es immer wieder große Korruptionsskandale. Ich erinnere mich an die Vorfälle rund um die Allianz-Arena, Lustreisen bei VW oder jetzt dem unglaublichen Fall bei Siemens. Hat die Häufigkeit solcher Fälle zugenommen, ist das Wirtschaftssystem korrupter geworden, oder täuscht diese Annahme?"
Uwe Dolata: "Das weiß ich nicht, das wissen wir alle nicht, weil wir uns alle viel zu lange viel zu wenig um die Korruption gekümmert haben. 95% der Fälle werden ja gar nicht aufgedeckt, bisher liegt die Aufklärungsquote bei etwa 2-5%. Über diese Fälle unterhalten wir uns hier. Doch dadurch, dass die Gesellschaft inzwischen mehr sensibilisiert ist, dadurch, dass auch endlich Schwerpunktstaatsanwaltschaften mit ausgebildeten Korruptionsermittlern eingerichtet wurden, kann man jetzt aus kleinen Anfangsverdachtsmomenten große Prozesse machen, wie sie jetzt stattfinden. Die Wahrnehmung für solche Fälle ist größer geworden."
CV: "Wie sinnvoll sind Antikorruptionsabteilungen, wenn sie wie im Fall Siemens angeblich geschehen, bei der Vertuschung von Korruptionsfällen mithelfen?"
Uwe Dolata: "Bei Siemens ist das Problem, dass die Unternehmensführung das Ziel vorgibt, möglichst viele Aufträge zu ergattern, koste es was es wolle. Dann wird die Revision einerseits dazu missbraucht, die für die Korruption verwendeten Geldflüsse zu verschleiern, und zum anderen dient sie als Lendenschurz nach außen, damit der Öffentlichkeit vermittelt wird: „Wir tun etwas.“ So kann das ganze natürlich nicht funktionieren. Wir haben schon immer gefordert, dass es in den Unternehmen externe Berater geben sollte, und Aufsichtsräte, die auch Aufsicht ausüben. Und nicht Aufsichtsräte, die mit Kommunalpolitikern besetzt sind, wie es in vielen Betrieben gebräuchlich ist. Dieser Aufsichtsrat muss dann auch die Macht zum Eingreifen haben."
CV: "Sind die so genannten „Compliance-Abteilungen“ nicht mehr ein Ablenkungsmanöver, nicht eher PR-Maßnahme für die Öffentlichkeit als ein ernsthafter Versuch, der Korruption entgegenzuwirken?"
Uwe Dolata: "Mittlerweile muss dieser Eindruck ja entstehen. Deswegen muss man dass ja auch anprangern und darüber berichten, und diese Vorgänge in die Öffentlichkeit bringen."
CV: "Haben die Unternehmen überhaupt ein Interesse daran, die Korruptionsfälle aufzudecken? Im Fall Siemens soll sogar der Vorstand schon über ein halbes Jahr von den Korruptionsvorwürfen gewusst haben, und es nicht für nötig gefunden haben, etwas zu unternehmen."
Uwe Dolata: "Nun, die ganzen Unternehmen sind ja nicht nur die Manager. Siemens besteht auch nicht nur aus dem Vorstand. Ein Unternehmen wie Siemens besteht aus tausenden von Arbeitern, die sich jetzt schämen und um ihre Arbeitsplätze fürchten. Mitarbeiter, die über das Missmanagement erschüttert sind. Diese Mitarbeiter sind ja das eigentliche Unternehmen, und keiner dieser Arbeiter hat ein Interesse an solchen Vorfällen."
CV: Siemens hat jetzt auch einen Ombudsmann eingestellt, den Nürnberger Rechtsanwalt Hans-Otto Jordan. Dieser arbeitet in der Kanzlei des bayerischen Innenministers Günther Beckstein: Günther Beckstein ist als Innenminister unter anderem auch für die Justiz in Bayern zuständig. Und die Justiz bzw. die Staatsanwaltschaft München ist für Siemens zuständig, bei denen jetzt wiederum jener Hans-Otto Jordan arbeitet. Was lernen wir daraus?"
Uwe Dolata: "Man kann sehen, dass hier eine Nähe zur Politik gewünscht wird. Auch wenn Günther Beckstein jetzt sagen wird, dass er sein Mandat ja schon lange niedergelegt hat. Hier sind aber auf jeden Fall Fragen berechtigt, und da kann natürlich eine Compliance, wie wir sie fordern, nicht stattfinden. Das sind genau die Fragen, die weh tun, weil da muss sich sowohl die Wirtschaft wie auch die Politik outen und muss die Strategie preisgeben."
CV: "Warum berichten denn die Medien so wenig über die Wirtschaftskriminalität? Sind die Medien auch korrupt?
Uwe Dolata: "Natürlich gibt es auch in den Medien Fälle von Korruption. Nicht alle, ich hoffe doch, dass der Großteil nicht korrupt ist. Aber wir haben zum Beispiel die ARD in diesem Sumpf. Dort werden von den Gebührenzahlern Millionen für ein „freies Fernsehen“ gezahlt, was dann scheinbar gar nicht frei war. Ich denke da an die Schleichwerbung, die auch heute noch stattfindet. Gerade vorgestern habe ich im Tatort einen neuen Fall gesehen. Ich frage mich, wo da der Intendant war. Die Medien sind auf jeden Fall sehr anfällig geworden. Oft sind sie sogar Wegbereiter, wie im Falle der Aktienmärkte. Dort gibt es teilweise durch Hochglanzprospekte, Sondersendungen und DAX-Interpretationen Fälle, die Korruption fördern, statt sie aufzudecken oder verhindern. Hier muss natürlich auch eine Kontrolle wie beispielsweise durch den Journalistenverband, stattfinden."
CV: "Sie sind ja aus Würzburg. Gibt es hier auch Fälle von Korruption, oder ist aus dieser Region noch nichts Derartiges bekannt?"
Uwe Dolata: "Wir kennen natürlich auch Fälle von Korruption in Würzburg und Umgebung. Über diese wurde ja auch in den Medien berichtet. Wir schauen zur Zeit nach Bad Neustadt, wo gerade ein Prozess um das Bauamt stattfindet. Dort wurden jahrelang große Summen an Schmiergeldern gezahlt. Das können Sie genau so auch auf jede andere Stadt übertragen, wenn auch in anderen Dimensionen. Aber kein Ort, keine Behörde, nicht die Politik und nicht die Wirtschaft ist gefeit vor solchen Situationen."
CV: "Herr Dolata, vielen Dank für dieses Gespräch."
perfectcrime - 17. Dez, 19:42


